Bei unserem BEtreuungskonzept richten wir uns an die Vorlage von Herrn Tobias Merckle aus dem Jahre 2000

Tobias Merckle

Vortrag bei der Konferenz 2000

Arbeit und Strafvollzug - und danach?

 am 13.12.2000

Veranstalter: NEUE ARBEIT THÜRINGEN

Betreuungskonzept für straffällige Jugendliche - Arbeit als ein wesentlicher Aspekt

Im Rahmen des Konferenzthemas will ich auf Arbeit als ein wesentlicher Aspekt bei der Integration jugendlicher Straffälliger eingehen. Dabei ist jedoch hervorzuheben, dass Arbeit- und Ausbildungsangebote in ein sinnvolles Gesamtkonzept eingebunden werden müssen. In den meisten totalen Institutionen besteht eine Insassensubkultur, die die Programmteilnehmer negativ beeinflusst. Solange diese Subkultur der Vermittlung von prosozialen Normen und Fähigkeiten entgegensteht, ist es kaum möglich, eine sinnvolle Integration des Jugendlichen in die Gesellschaft erfolgreich vorzubereiten. Deswegen müssen Konzepte gefunden werden, bei denen die Insassenkultur nicht den Anstaltszielen entgegenwirkt, sondern diese fördert. Ich möchte zwei solcher Projekte vorstellen. Mit Hilfe der Erfahrungen in diesen beiden Projekten möchte ich dann ein Konzept vorstellen, das als sinnvolle Alternative zum Jugendstrafvollzug dienen könnte.

1.      Arbeit als ein wesentlicher Aspekt bei der Integration jugendlicher Straffälliger

Die Wiedereingliederung straffälliger Jugendlicher erweist sich als ein grosses Problem.

Nach zahlreichen empirischen Untersuchungen ist davon auszugehen, dass 70 – 80% aller entlassenen Jugendstrafgefangenen wieder verurteilt werden.[1] Bei den 15-20jährigen weist das Bundeszentralregister sogar Rückfallquoten von über 90% aus.

Es gibt viele Bestrebungen, die Rückfallquoten einzudämmen. Jedoch konnte bisher kein “Geheimrezept” gefunden werden. Dieses wird es wohl auch in Zukunft nicht geben. Die meisten Bemühungen und Veränderungen im Strafvollzug können nur unerhebliche Verbesserungen erzielen. Jedoch zeigt es sich, dass einige Aspekte der Wiedereingliederung besonders erfolgreich sein können. Arbeit und Ausbildung sind solche Aspekte.

So wird die Verbindung zwischen Arbeitslosigkeit und Kriminalität immer wieder hervorgehoben.[2] Hammerschick beschreibt eine einschlägige Untersuchung in Österreich.[3] Dabei hat sich herausgestellt, dass sich bereits in der Zeit vor der Haft ein steter beruflicher Abstieg und grosse Arbeitsmarktferne zeigt:
Vier Jahre vor der Haft waren 39% der Untersuchungspopulation langzeitsarbeitslos.

Bis zu einem Jahr vor der Haft hat sich ein Anstieg auf 48% gezeigt. Im Monat vor der Inhaftierung waren 80% der Untersuchten ohne regelmässige Beschäftigung.

Arbeitslosigkeit kann sicherlich nicht als der einzige Grund für Kriminalität angesehen werden.[4]Eine starke Korrelation ist jedoch auszumachen.

So sind sich viele Fachleute auch einig, dass Arbeit eine zentrale Rolle für die Integration straffälliger Jugendlicher in die Gesellschaft spielt.[5] 

Ich will an dieser Stelle nicht weiter auf Einzelheiten und Studien eingehen.

Jedoch will ich die These aufstellen, dass gute Ausbildungs – und Arbeitsangebote allein nicht aussreichen. Sie müssen in ein sinnvolles Gesamtkonzept eingegliedert werden.

                                          

2.      Arbeit als ein wesentlicher Aspekt bei der Integration jugendlicher Straffälliger

Ob es nun Ausbildungs- und Arbeitsangebote sind oder sonstige Angebote, wie Therapie und Fortbildungskurse. Ich behaupte, dass alle Angebote fehlschlagen, wenn das Umfeld, in dem sie angeboten werden zum Ziel der Integration kontraproduktiv ist.

Goffman hat schon 1961 in seinem Klassiker “Asyle” die in totalen Institutionen bestehenden Subkulturen beschrieben.[6] Dabei zeigt er auf, dass in jeder totalen Institution mindestens zweierlei Normen und Wertsysteme bestehen. Zum einen die offiziellen Anstaltsnormen, so wie sie von der Anstaltsleitung vorgegeben werden. Die Anstaltsleitung ist bemüht, diese Normen und Regeln mit verschiedenen Mitteln durchzusetzen. Aber wir alle wissen, dass es in jedem Gefängnis – sowie in den allermeisten anderen totalen Institutionen – daneben noch ein anderes Normen – und Wertgefüge besteht. Das der Insassen. Die Insassen entwickeln eine Gegenkultur gegen das System. Dabei ensteht eine genaue Rangfolge.

 

Polsky beschreibt diese Gegenkultur - oder wie er es nennt Subkultur noch ausführlicher:[7] Die Führer der Subkultur bestimmen die Regeln, nach denen sich alle anderen zu halten haben. Wenn ein Neuankömmling ankommt, muss er sich den vorgesetzten Gruppennormen unterordnen Er muss seine Rolle innerhalb der Rangordnung finden. Um innerhalb der Institution überleben zu können, müssen die Normen und Werte, sowie ihre Verhaltensmuster übernommen werden. Der Neuankömmling muss sich anpassen, ob er will oder nicht.

Ferrainola bezeichnet solches Verhalten als normal: “Sie wollen das Gleiche, was Sie und ich auch wollen: Sie wollen überleben, sie wollen Status, sie wollen materielle Dinge, sie wollen zu einer Gruppe dazugehören”.[8] Um zur Gruppe dazugehören zu wollen, müssen die abweichenden Normen der Gruppe angenommen werden. Diese Normen müssen während des gesamten Aufenthaltes in der Institution gelebt werden. Deswegen werden sie zumeist auch internalisiert. Sie werden Teil einer neuen Identität. Diese bleibt dann auch über die Zeit der Inhaftierung weiter bestehen.

Ich denke wir alle kennen diese Prozesse und so muss ich nicht näher darauf eingehen.

Der negative Einfluss der Subkultur hat Auswirkungen auf alle Angebote, die innerhalb der totalen Institution gemacht werden. Ausbildungs- und Arbeitsangebote sind davon ebenso betroffen.

Polsky beschreibt die Rolle von Mitarbeitern: “The professional staff's values do not constitute a sufficiently strong countervailing force to overcome the negative values promoted by the cottage (inmate) social system".[9]

Da der Insasse sich der Subkultur mehr oder weniger unterwerfen muss, kann höchstens erreicht werden, dass der Jugendliche zu einem “Teilzeit Kriminellen” wird. In diesem Fall nimmt der Jugendliche die Normen beider Gruppen an – je nach dem, wo er sich gerade befindet. Jedoch hält er sich die meiste Zeit innerhalb der Subkultur auf. So kann er im alltäglichen Leben nicht praktizieren, was er bei den Mitarbeitern gelernt hat. Somit kann er das Gelernte auch nicht internalisieren. Eine positive Veränderung im Leben des Jugendlichen kann demnach nicht erreicht werden, wenn die Wertesysteme der Mitarbeiter und die der Subkultur auseinanderklaffen. Um effektiv sein zu können, müssen beide zusammen kommen.

Polsky beschreibt die Situation zwar in Bezug auf Sozialarbeit und Einzeltherapie, aber ich denke dasselbe gilt auch für Ausbildungs- und Arbeitsangebote.


Die Angebote in einer Einrichtung können noch so gut und professionell sein, wenn die Subkultur in der Institution gegen die Ziele der Ausbildung und Förderung laufen, wird der Erfolg der Massnahmen sehr gering bleiben.

Gestern haben wir von Herrn Boeij[10] gehört, dass die Situation in den Niederlanden im Vergleich zu hier “paradiesisch” sei. Die Gefangenen können professionelle Arbeits- und Ausbildungsangebote wahrnehmen und werden ohne Probleme auf den Arbeitsmarkt vermittelt. Trotzdem sind die Erfolge sehr spärlich. Herr Boeij hat eine Rückfallquote von 60-70% genannt.

 

Ich denke die vorherrschende Subkulturen in den Anstalten sind zumindest ein Grund dafür, dass der Erfolg nicht besser ausfällt.

Ausbildungs- und Arbeitsangebote müssen in ein sinnvolles Gesamtkonzept eingebunden sein. Es müssen Wege gefunden werden, wie die Subkultur, die in jeder Institution besteht, umgekehrt werden kann. Werte und Normen der Kultur der Jugendlichen muss mit denen der Leitung der Institution übereinstimmen.

Ein Ding der Unmöglichkeit?

Dass dies nicht so ist, beweisen einige Modellprojekte.

Ich möchte zwei davon kurz vorstellen:

3. Beispiele sinnvoller Konzepte
3.1 Die Glen Mills Schools

Die Glen Mills Schools ist eine Einrichtung für straffällige Jugendliche in Pennsylvania, USA. Derzeit sind knapp 1000 Jugendliche dort untergebracht. Der jetzige Direktor, Sam Ferrainola, übernahm die heruntergekommene Einrichtung 1975 mit lediglich 30 Jugendlichen. Die Mitarbeiter waren frustriert und demotiviert. Der Alltag war von negativen subkulturellen Normen geprägt und kontrolliert. Von Resozialisierung konnte keine Rede sein. Ferrainola erkannte, dass ein erfolgreiches Konzept nur dann Früchte tragen kann, wenn Normen und Ziele von Leitung, Mitarbeitern und Jugendlichen auf einer gemeinsamen Basis stehen. Die Jugendlichen müssen sich mit den vorgegebenen Normen der Institution identifizieren können.[11] Ähnlich wie bei dem Konzept der “Positive Peer Culture”[12], geht er davon aus, dass Jugendliche Selbstrespekt und Verantwortlichkeit durch Hilfe anderen gegenüber erlernen. Diese Denk- und Verhaltensänderung kann am besten mit Hilfe einer Gruppe von Gleichaltrigen (Peer Group) erreicht werden.

 

In Glen Mills können die Jugendlichen ein hohes Mass an Verantwortung und Freiheiten erlangen – voraussgesetzt sie halten sich an die vorgegeben Normen und handeln im Sinne der Institution. Das Verhalten wird hauptsächlich von Mitschülern kontrolliert. Mitarbeiter spielen hierbei eine nachrangige Rolle. Die Jugendlichen sind füreinander verantwortlich. Sie werden z.B. auch zur Rechenschaft gezogen, wenn sie ihre Mitschüler bei normwidrigem Verhalten nicht zurechtweisen – und ihnen somit nicht weiterhelfen. Die Jugendlichen besprechen alle aufkommenden Probleme in täglichen Gruppenstunden. Kritik am Verhalten von Einzelnen kommt dabei von der Peer Group. Die Jugendlichen haben auf Grund ihrer Erfahrung Expertenwissen, das genutzt wird. Dies wird in der Peer Group besser angenommen, als wenn Erwachsene versuchen, etwas zu vermitteln. Mitarbeiter nehmen an den Sitzungen teil, halten sich aber zurück.

 

Ferrainola nennt als Grundthese seines “sozialwissenschaftlichen Modells”, dass die Jugendlichen zwar schlechte Dinge getan haben, aber an sich gut sind. “Sie folgen dem jedem Menschen innewohnenden Impuls, von ihrer sozialen Gruppe anerkannt zu werden, da sie nur so überleben können. Um akzeptiert zu werden, müssen sie die Normen und Anforderungen ihrer Gruppe befolgen, und das tun sie, seien diese Anforderungen nun kriminell oder legal. Also muss man ihnen eine peer group geben, deren Normen und Anforderungen positiv sind (…). Nach und nach wird sich auch ihre Persönlichkeit entsprechend verändern”.[13] So basiert das Konzept nicht auf einer Defizitorientierung. Vielmehr geht es davon aus, dass eine Fähigkeitsentwicklung der geeigneteste Weg ist, Jugendlichen ein Leben ohne Kriminalität zu ermöglichen.[14] Persönlichkeitsänderung soll durch Verhaltensänderung erreicht werden.

In Glen Mills haben die Bereiche Schule, Ausbildung und Sport einen besonderen Stellenwert. Es gibt kein „Aufsichtspersonal“. Alle Mitarbeiter haben sogleich auch eine ausbilderische Aufgabe in einem dieser Bereiche.

Im sportlichen Bereich können die Jugendlichen zwischen unzähligen verschiedenen Sportarten wählen. Sie werden dabei von qualifizierten Trainern auf den Wettkampfsport vorbereitet. Bei den meisten Sportarten können die Jugendlichen von Glen Mills auch extreme Erfolge aufweisen. Neben der körperlichen Ertüchtigung führt dies auch zu einer Stärkung des Selbstbewusstseins. Ausserdem können dadurch viele Jugendliche an Universitäten und Sportvereine vermittelt werden. Auf diese Weise wird die Integration in die Gesellschaft vereinfacht.

Auf dem schulischen Bereich werden die Jugendlichen auf das Ziel, ihren High School Abschluss nachzuholen, vorbereitet. Es ist erstaunlich zu sehen, mit welchem Erfolg dies geschieht. Viele der Jugendliche können bei Eintritt in Glen Mills kaum lesen und schreiben und haben höchstens den Stand eines Schülers der fünften Klasse. Nach eineinhalb Jahren Aufenthalt in Glen Mills bestehen die meisten der Jugendlichen ihr GED – den High School Abschluss. Viele von ihnen mit Bravour.

Auch die berufliche Ausbildung erfolgt durch qualifiziertes Fachpersonal. Die Jugendlichen können zwischen verschiedenen Berufszweigen wählen und können ein Zertifikat erwerben. Dies ist in den USA schon etwas sehr besonderes, da es normalerweise keine Berufsausbildung an sich gibt. Glen Mills arbeitet sehr eng mit der freien Wirtschaft zusammen. Inzwischen haben sich die Ausbildungsbetriebe von Glen Mills auch einen sehr guten Namen aufgebaut. Viele der Jugendlichen können so an Betriebe der freien Wirtschaft vermittelt werden. Berufsausbildung und Arbeit spielen so einen zentralen Stellenwert für die Integration.

In allen drei Bereichen sind die Jugendlichen sehr motiviert, ihr bestes zu leisten. Dies hängt unter anderem mit der in Glen Mills bestehenden Positive Peer Culture zusammen. So ermutigen sich die Jugendlichen gegenseitig.

Glen Mills kann eine wesentlich bessere Erfolgsquote als die meisten ähnlichen Einrichtungen vorweisen, so liegt die Rückfallquote bei weniger als 35%.[15]

Der Ansatz findet international Beachtung. In den Niederlanden wurde bereits eine Einrichtung nach dem Vorbild der Glen Mills Schools errichtet.

3.2 Das APAC Programm

Ähnlich wie die Glen Mills Schools war das Humaita Gefängnis in São José dos Campos (Brasilien) kurz vor dem Ruin. Die hygienischen Zustände waren miserabel. Das Gefängnis von Gewalt bestimmt. Dr. Mario Ottoboni und eine Gruppe der katholischen Laienbewegung Cursillo hat seit 1972 einige Insassen in dem Gefängnis betreut. Als das Gefängnis geschlossen werden musste, bat Dr. Ottoboni den zuständigen Richter, ob die von ihnen gegründete Vereinigung zum Schutz und zur Hilfe von Gefangenen (Assoçiação de Proteção e Assistência aos Condenados – APAC) das Gefängnis übernehmen und nach christlichen Grundsätzen führen könnte. Dies wurde genehmigt.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat sich das Projekt zu einem äusserst erfolgreichen Programm entwickelt. So war APAC Anfang 1998 für knapp 500 Insassen zuständig. Das Gefängnis wird von den Insassen selbst mit Hilfe von Dr. Ottoboni und anderen Ehrenamtlichen geleitet. Vollzugsbeamte gibt es keine. Die Insassen, die “Recuperandos” (recuperar = wiedererlangen, zurückgewinnen) genannt werden, sind wesentlich in die Programmgestaltung einbezogen. Sie tragen mit die Verantwortung für alle Bereiche des Gefängnislebens. Der gewählte Insassenrat bestimmt, wer für die Schlüssel der Aussenpforte und der Zellen verantwortlich ist. Es herrschen demokratische Strukturen. Die Recuperandos haben ein hohes Mass an Mitbestimmungsrechten.

APAC geht davon aus, dass Persönlichkeitsveränderung durch eine innere Veränderung stattfindet. Gottes Liebe ist Hauptquelle für Veränderung. Der Glaube an Gott ist die Grundlage für das APAC Programm. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter sehen sich als Instrument Gottes, mit dem er seine Liebe weitergibt. Es gibt verschiedene christliche Angebote, wie Seelsorge, Gottesdienste und Diskussionsgruppen. Die Teilnahme daran steht den Recuperandos frei.

Die Recuperandos können verschiedene schulische und therapeutische Angebote wahrnehmen. Tagsüber nehmen sie an Arbeitsmassnahmen teil. Am Anfang ihres Aufenthaltes werden sie dabei langsam an Arbeit herangeführt. Sie nehmen an einem Kurs für Kunsthandwerk teil und beschäftigen sich zuerst damit, Holz künstlerisch zu bearbeiten. Später arbeiten sie dann in Handwerksbetrieben und werden so in verschiedenen Berufen ausgebildet. In der offenen Phase werden sie dann an Betriebe der freien Wirtschaft vermittelt. Auf diese Weise werden sie in das Arbeitsleben integriert.

Wie in Glen Mills sind die Recuperandos füreinander verantwortlich. Es herrscht eine “Positive Peer Culture”. In jeder Zelle, jedem Zellblock und der Gesamtanstalt gibt es von den Insassen gewählte Repräsentanten. Diese sind für Sicherheit, Ordnung, aber auch Programmgestaltung verantwortlich. Probleme werden auch hier im Dialog innerhalb der Peer Group geregelt, die ehrenamtlichen Mitarbeiter halten sich zurück.

Das Programm ist in drei Stufen gegliedert – geschlossen, halboffen und offen. Die Recuperandos können bei guter Mitarbeit zunehmend Verantwortung und Freiheiten erlangen. In der halboffenen Phase arbeiten die Recuperandos als Freigänger in der freien Wirtschaft und melden sich abends im Gefängnis zurück. Während der offenen Phase wohnen und arbeiten die Recuperandos in der Gesellschaft und melden sich nur an bestimmten Tagen in der Anstalt zurück und nehmen an verschiedenen Veranstaltungen teil. Durch das abgestufte System wird eine Heranführung der Recuperandos an das Leben in Freiheit, sowie eine Integration in ihre Familie ermöglicht.

Die Erfolge sprechen für sich. Nach einer Untersuchung von Byron Johnson von der Vanderbilt University (USA) liegt die Rückfallquote innerhalb eines Untersuchungszeitraums von drei Jahren bei lediglich 16 Prozent.[16] Auch die Nachfolgeeinrichtung in Itauna (Brasilien) weist ähnliche Erfolgsquoten auf. Das Konzept wird inzwischen in ähnlicher Weise in Peru, Argentinien, Equador und den USA angewandt. In Norwegen und Neuseeland wird an einer Umsetzung des Modells gearbeitet.[17]

Aus den Erfahrungen u.a. dieser beiden Modelle will ich nun einen Vorschlag für eine Modelleinrichtung für jugendliche Straffällige in Deutschland ausarbeiten. Dabei sollen Jugendliche in die Einrichtung aufgenommen werden, die ansonsten eine Jugendstrafe abbüssen müssten. Dazu will ich die Grundprinzipien beider Konzepte kombinieren:

4. Vorstellung eines Konzeptentwurfes für Deutschland

Beiden vorgestellten Programmen ist die gelungene Umwandlung einer negativen in eine positive Subkultur gemeinsam. Der negative Einfluss der in den meisten Institutionen vorherrschenden Subkultur kann so Einhalt geboten werden. Dies soll auch in der deutschen Modelleinrichtung angestrebt werden. Ein wesentlicher Beitrag dabei soll die Übergabe von Verantwortung an die Programmteilnehmer sein.  Normgerechtes Verhalten erfährt Statusgewinn und Freiheitszuwachs. Gleichzeitig sind die Programmteilnehmer füreinander verantwortlich. Sie setzen sich miteinander im Dialog auseinander, wachsen als Individuen und als Gruppe. Ein weiteres Hilfsmittel ist die Einführung eines “Buddy Systems”: ein älterer Teilnehmer ist für einen jüngeren verantwortlich, weist ihn in die verschiedenen Normen und Gegebenheiten ein. Mit zunehmender Mitarbeit des Jugendlichen werden ihm mehr und mehr Freiheiten eingeräumt.

So gibt es verschiedene Stufen:

Einführungsphase: Der Jugendliche wird von seinem “Buddy”, sowie von dem für ihn verantwortlichen Mitarbeiter in das Alltagsleben der Institution eingewiesen. Dabei wird er zu keiner Zeit allein gelassen. Er befindet sich immer in Begleitung von Mitarbeitern oder seines “Buddies”. Nachdem er sich an das Alltagsleben gewöhnt hat, die Umgangsformen und Normen kennt, kann er sich auf dem Gelände in Begleitung anderer Jugendlicher frei bewegen. Der Jugendliche nimmt an den verschiedenen Angeboten teil, wobei ihm noch nicht alle Freizeitangebote offen stehen.

Arbeitet der Jugendliche intensiv an den Zielen der Einrichtung mit und lebt entsprechend den Gemeinschaftsnormen, kann er in die nächste Stufe “aufsteigen”. Er wird Mitglied des internen Clubs.[18] Die jeweiligen Clubmitglieder einer Wohneinheit entscheiden über die Aufnahme. Die Mitarbeiter haben dabei lediglich Vetorecht. Durch die Mitgliedschaft eröffnen sich dem Jugendlichen mehr Freizeitangebote und er bekommt mehr Freiheiten. Er kann an bestimmten Wochenenden auf Heimaturlaub, um seine Familie und Freunde zu besuchen und hat eine grössere Auswahl an Freizeitangeboten.  So bald er sich den Normen der Anstalt widersetzt, werden ihm diese Rechte teilweise wieder entzogen, er wird “zurückgestuft”. Die Mitglieder des Clubs können als Vertreter für ihre Wohneinheit oder auch der gesamten Institution gewählt werden und haben sehr viel Mitspracherecht bei der Programmgestaltung.

Nach einer bestimmten Zeit können die Jugendlichen sich für den Status als Freigänger bewerben, um so einer Arbeit oder Ausbildung ausserhalb der Institution nachzugehen. Nach und nach können sie auch mehr externe Freizeitangebote wahrnehmen und eine Einbindung in lokale Vereine und Kirchengemeinden wird unterstützt.

Als nächster Schritt können die Jugendlichen in Wohngemeinschaften ausserhalb der Institution wohnen und werden dabei unter familienähnlichen Wohnbedingungen mit Hauseltern und anderen Bewohnern auf das Leben in Freiheit vorbereitet.[19] Auch nach dem Verlassen der Wohngemeinschaften können die Jugendlichen an bestimmten Angeboten der Institution oder der Wohngemeinschaften und an regelmässigen Treffen teilnehmen. Arbeitsplätze werden ihnen durch eine enge Kooperation mit der freien Wirtschaft vermittelt.

Schulische und berufliche Bildung spielen eine sehr wichtige Rolle während der gesamten Programmdauer. So werden verschiedene schulische Angebote gemacht, um die Jugendlichen optimal auf ihren jeweiligen Schulabschluss vorbereiten zu können. In enger Zusammenarbeit mit Unternehmen der freien Wirtschaft werden verschiedene Ausbildungsbetriebe aufgebaut, in denen die Jugendliche in den verschiedensten Sparten ausgebildet werden. Dabei wird auch ein Berufsvorbereitungsjahr angeboten, um auf Berufsschule und Ausbildung vorzubereiten.[20] Neben dem Ausbildungsbetrieb bestehen verschiedene Arbeitsmöglichkeiten. Dabei werden Arbeitsbetriebe ausgesucht, in denen die Fähigkeiten der Jugendlichen geschult und so ihre Aussichten auf dem freien Arbeitsmarkt erhöht werden. Die Arbeitsbetriebe sind dabei nach den Prinzipien der freien Wirtschaft ausgerichtet. Die Jugendlichen erhalten eine dem freien Markt entsprechendes Arbeitsentgelt. Über diesen Lohn können die Jugendlichen jedoch nicht frei verfügen. Ein Teil davon kommt den jeweiligen Opfern – als Hauptgeschädigten der von den Jugendlichen begangenen Straftat – oder Opfervereinigungen zu Gute.  Ein weiterer Teil wird für Kost und Logie einbehalten. Die Kosten der Anstalt für die Gesellschaft werden dadurch gering gehalten.

Neben den Abgaben an Opfer oder Opfervereinigungen wird gleichzeitig gemeinnützige Arbeit geleistet. Die Jugendlichen säubern und richten Stadtteile her. Auf diese Weise wird ein Teil des Schadens, der für die Gesellschaft durch Straftaten entsteht, symbolisch wiedergutgemacht.[21]

Ausserdem besteht die Möglichkeit einer Teilnahme an Seminaren für Täter und Opfer, an Versöhnungsprogrammen zwischen Tätergruppen und Opfergruppen[22] und eines freiwilligen Täter-Opfer-Ausgleichs.

Da die Gesellschaft und die Familie wesentlich an den Ursachen sowie an den Folgen von Kriminalität beteiligt sind, werden diese aktiv in das Programm eingebunden.  So können Familienmitglieder an bestimmten Aktivitäten und Angeboten teilnehmen. Es herrscht eine grosszügige Besuchsregelung. Seminare für Familenangehörige werden angeboten, damit diese die Hintergründe von Straftaten besser einordnen können und in den Resozialisierungsprozess eingebunden werden.

Gesellschaftsmitglieder werden ermutigt, sich aktiv an dem Programm zu beteiligen. So wird jedem Jugendlichen ein Pate oder ein Ehepaar als Pateneltern aus der Gesellschaft zugewiesen. Diese kümmern sich um ihn während seines Aufenthaltes und stehen ihm auch danach mit Rat und Tat zur Seite.[23] Ausserdem werden möglichst viele Ehrenamtliche in das Programm eingebunden, um die Jugendlichen mit ihren Gaben zu fördern. So können sie Hobby-, Kultur- und Vortragsabende anbieten oder andere Freizeitaktivitäten mit den Jugendlichen durchführen. Auch Unternehmen und Handwerksbetriebe sind eng in die Arbeits- und Ausbildungsangebote eingebunden und Jugendliche werden dorthin vermittelt.  Angefangen von Praktika während ihres Aufenthaltes in der Einrichtung, bis hin zu Berufsausbildung und Arbeit ist ein Kontakt zur freien Wirtschaft enorm wichtig. Örtliche Vereine und Kirchengemeinden werden ebenso dazu ermutigt, sich in das Leben der Jugendlichen einzubringen um so u.a. ihre sozialen und sportlichen Fähigkeiten zu fördern.

Sport und anderen Freizeitangeboten kommt in der Einrichtung insgesamt eine wichtige Rolle zu. Dadurch werden den Jugendlichen soziale Fähigkeiten vermittelt und sinnvolle Freizeitalternativen aufgezeigt. Gleichzeitig ist es ihnen auch möglich, nach dem Aufenthalt schnell Anschluss an einen Verein und somit an eine prozoziale Gruppe innerhalb der Gesellschaft zu finden.

Wie bei APAC ist das Programm durch eine christliche Grundhaltung und den Glauben an Gott geprägt und es werden verschiedene Angebote in diesem Bereich gemacht. Veranstaltungen wie Gottesdienstbesuche, seelsorgerliche Angebote, Gruppendiskussionen oder Glaubenskurse können in Anspruch genommen werden. Diese Veranstaltungen haben Angebotscharakter und es steht den Jugendlichen frei, daran teilnehmen.

Für die Umsetzung eines solchen Modellvorschlages bedarf es noch weiterführender Überlegungen, sowohl für den juristischen Rahmen als auch für die konzeptionelle Ausgestaltung. Das Projekt könnte als Alternative zu Jugendanstalten sozusagen als alternative Vollzugsform dienen. Dabei ist jedoch zu beachten, dass es nicht zu einer Netzwerkerweiterung kommen darf.

Aus den Erfahrungen der Glen Mills Schools sowie der verschiedenen APAC Programme ist zu schliessen, dass ein solches Programm wesentliche Erfolge bei der Rückfallreduzierung erzielen kann und für alle Beteiligten eine befriedigendere – und billigere - Alternative zur herkömmlichen Vollzugsgestaltung sein würde.

Johnson, Byron: Assessing the Impact of Religious Programs and Prison Industry on Recidivism: An Exploratory Study. Unveröffentlichter Forschungsbericht, 2000

Downes, David: The Role of Employment and Training in Reducing Recidivism. Vortrag bei der Konferenz „Employment Strategies for Offenders“ in Portugal, 16. Oktober 1998

Dünkel, Frieder: Freiheitsentzug für junge Rechtsbrecher. Bonn, 1990

Gefährdetenhilfe Scheideweg: Diakonische Straffälligenhilfe schafft Lebensräume, 1995 (2. Auflage)

Gendreau, Paul; Goggin, Claire; Gray, Glenn: Case need domain: “Employment”. In: Forum on Corrections Research. September 1998, Vol. 10, No. 3, S. 16-19

Goffman, E.: Asylums. Garden City, N.Y., 1961

Guder, Petra: Ohne Schloss und Riegel – Eine offene Alternative auch für den Umgang mit deutschen jugendlichen aggressiven Mehrfachtätern zwischen Jugendhilfe und Justiz? In: DVVJ-Journal 2/1997, S. 123-136

Hamelyn, Becky; Lewis, Darren: Women Prisoners: A Survey of their Work and Training Experiences in Custody and on Release. Home Office Reseach Study 208, 2000

Hammerschick, Walter: Arbeitsmarktintegration Straffälliger – Was ist „Good Practice“? Über eine laufende transnationale Forschungskooperation mit dem Ziel miteinander, voneinander zu lernen. In: Krim. Journal, 32. Jg. 2000, H. 1, S. 56-65

Lamnek, Siegfried: Theorien abweichenden Verhaltens, München, 1983 (2. Auflage)

Lerner, S.: The good news about juvenile justice. Bolinas, CA, 1990

Merckle, Tobias: Ein neues Paradigma im Strafrecht: Grundlagen und Kriterien für Wiedergutmachung als Rechtsfolge. Sinzheim, 1999

Merckle, Tobias: Mit Liebe und Disziplin zum Erfolg. Gefangene verwalten in einem Modellprojekt in Brasilien ihre Haftanstalt selbst. In: der überblick 1/2000, S. 75-78

Polsky, H.W.: Cottage six. Malabar, Fl, 1987 (3rd edition).

Uhlig, Sigmar: Rückfall und Hilfe zur Resozialisierung. In: Bewährungshilfe. 3. Jg. Nr. 3 Juli 1987

Vieten-Groß, Dagmar: Glen Mills Schools – Eine Alternative zum Strafvollzug für Straffällige Jugendliche in Amerika. In: DVJJ-Journal 2/1997, S. 136-141

Vorrath, H.H., Brendtro, L.K.: Positive Peer Culture. New York, 1985 (2nd edition)

Tobias Merckle, 13.12.2000

Prison Fellowship International

P.O. Box 17434

Washington, D.C. 20041

USA

Tel.: (+1) 703-481-0000

Fax: (+49) 1805-28130153254


[1] Vgl.: Dünkel, 1990, S. 620

[2] Vgl. z.B.: Downes, 1998; Gendreau et al, 1998, S. 16

[3] Vgl.: Hammerschick, 2000, S. 56ff

[4] Für verschiedene Theorien abweichenden Verhaltens siehe Lamnek, 1983

[5] Vgl. z.B.: Sinclair et al, 1998, S. 37; Hammerschick, 2000, S. 60; Hamelyn, 2000, S. iii

[6] Goffman, 1961

[7] Polsky, 1987

[8] in: Lerner, 90, S. 64

[9] Polsky, 1987, p. 162

[10] Dr. Cees Boeij, Generaldirektor Penitentiaire Inrichtingen Toorenburgh, bei seinem Vortrag bei der Konferenz 2000 Arbeit und Strafvollzug – und danach? am 12.12.2000

[11] Vgl. Lerner, 1990

[12] Für eine asuführliche Beschreibung der Positive Peer Culture vgl. Grissom & Dubnov, 1989

[13] Ferrainola nach Vieren-Groß, 1997

[14] Vgl. Guder, 1998

[15] Vgl. Guder, 1997

[16] Vgl. Byron, 2000

[17] Für eine ausführliche Programmbeschreibung siehe: Merckle, 2000

[18] In Anlehnung an den Bulls Club in Glen Mills

[19] Die Gefährdetenhilfe Scheideweg gibt ein sehr gutes Beispiel für familienähnliche Wohngemeinschaften.

[20] Das Berufsvorbereitungsjahr im Geistlichen Rüstzentrum Krelingen dient hierbei als hervorragendes Beispiel.

[21] Vgl. dazu Merckle, 1999

22] Siehe dazu z.B. das Sycamore Tree Programme von Prison Fellowship International

23] Nach dem Vorbild des APAC Programmes

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